Paris

Wilfrid Perraudin – Hildegard

Wilfrid Perraudin – Hildegard
1949 – Tinte auf Papier – 35x27 cm
Ref.-Nr. 1663 (Im Nachlass, unverkäuflich)

Paris, eine Zeit äußerster Armut. Anfang bei Null, völlig mittellos. Nichts von früher war mehr vorhanden. Im Keller, den Wilfrid vor seiner Arbeitsverpflichtung bei dem französischen Flugzeugwerk SNCASO als Lagerraum genutzt hatte, standen jetzt andere Sachen. Niemand wusste, wo seine Bilder und seine wenigen Habseligkeiten geblieben waren. Und Hildegard, der "Boche", begegnete man oft feindselig.

Hilfe fand das obdachlose Paar schließlich in der Rue d'Alleray, in einem kleinen von acht Mönchen geführten russisch-orthodoxen Kloster. Père Denis, der Abt, nahm sie vorübergehend auf, borgte ihnen Geld und vermittelte ihnen eine jener berühmten Pariser 'Chambres de bonne', eine 14 qm große Dachkammer in der Rue de Vaugirard 284. Wilfrid fand eine Heimarbeit, er verzierte für ein Elektrogeschäft Lampenschirme mit Blumen, Postkutschen oder mittelalterlichen Jagdszenen, aber das reichte noch nicht mal für die Miete. Seine Bewerbungen um eine Stelle als Kunsterzieher waren vergeblich, es gab keine freien Stellen. Nun versuchte er es mit Klinkenputzen, bei France Télécom, bei Perrier, bei der Weinhändlerkette Nicolas. In seiner Mappe hatte er Entwürfe für Werbeplakate. Doch ohne Namen und Beziehungen läuft in der Werbebranche nichts.

Im Dezember 1947 komme ich zur Welt. Wir wohnen nun zu dritt in der winzigen Dachwohnung.

Vom Schulamt wird Wilfrid nun gelegentlich angefragt, wenn Kunstlehrer wegen Erkrankung vertreten werden müssen. Und noch ein Hoffnungsschimmer: Ein Verlag sucht für eine neue Reihe von Abenteuerromanen für Pfadfinder einen Illustrator. Mehrere Künstler melden sich, Wilfrid macht eine Probeillustration und bekommt den Job.

Mittlerweile haben diese Bücher Kultstatus und werden antiquarisch hoch gehandelt.

Zeitsprung – gut 20 Jahre später:

Die Pariser Zeit liegt lange hinter uns, Wilfrid, Hildegard und mein Bruder Luc leben in Freiburg, ich studiere in Berlin an der Filmakademie. Ich plane bereits meinen Abschlussfilm für das übernächste Jahr, es soll eine comicartige Science-Fiction-Burleske werden, entfernt inspiriert von dem russischen Stummfilmregisseur Alexander Medwedkin. Nachdem ich das Drehbuch in der ersten Fassung geschrieben habe, frage ich meinen Vater, ob er ein paar Zeichnungen zur Illustrierung meines Filmprojekts im Stil seiner damaligen Buchgrafiken anfertigen könne. Er will erst nicht, diese Zeichnungen seien doch Schund und keine Kunst gewesen. Ich überzeuge ihn, dass dieser "Schund" der richtige Stil für mein Filmprojekt sei, weil ich mit genau diesen Trash-Elementen spielen wolle. Er versteht, willigt ein, und es gelingt ihm mit Leichtigkeit, meine Vorstellungen perfekt umzusetzen.

Der Film wurde nicht realisiert, denn für meinen Abschlussfilm entschied ich mich im Jahr darauf für einen anderen Stoff. Als ich neulich in verstaubten Kartons nach dem Drehbuch kramte und mir nach Jahrzehnten die fast vergessenen Illustrationen ansah, dachte ich: Schade eigentlich.

Um Wilfrids weiterem Lebensverlauf - ab nun in Deutschland - zu folgen, geht es (nach Ansicht der Seiten "Plakatentwürfe", "Buchillustrationen" und "Drehbuchillustrationen") wieder zurück auf der Seite BIOGRAFIE. Dort lesen wir weiter, wo wir zuvor unterbrochen wurden, also etwa in der Mitte des dortigen Textes.